Frau Blumenthals Armreif

„Ein Leben lang habe ich mich für die Anerkennung dieser Frau abgerackert”, stöhnt Rita Everitt, als sie entdeckt, dass ihre Mutter eine überzeugte Nationalsozialistin war. Aber wie die Vergehen der Mutter wiedergutmachen? Und wie das eigene Leben aufräumen?

About Christiane

Christiane K. Alsop grew up in Germany, worked as a bookseller in Darmstadt, studied psychology in Hamburg and Berlin, and today lives with her family on Boston’s North Shore. She researches and writes about love, life away from home, and the lingering effects of Nazism on subsequent generations of Germans.

Frau Blumenthals Armreif. Roman. 

Rita Everitt hat als Chefin der Firma Barb’s Nest jedes noch so baufällige Haus in ein gemütliches Zuhause verwandelt, doch seitdem ihr Mann sie für eine Jüngere verlassen hat, fühlt sich ihr eigenes Haus an der Nordküste Bostons gigantisch und kalt an.  Ihre Mutter lebt nach einem Schlaganfall im Pflegeheim. Da kommt die Aufforderung ihrer Schwester, die Wohnung der Mutter aufzulösen, gerade recht. Rita nimmt das nächste Flugzeug zurück nach Deutschland.

In der Wohnung findet sie einen Umschlag, den die Mutter  ihr hinterlegt hat. Er enthält  deren Kriegstagebuch und einen Armreif. Das Tagebuch ist mit Nazi-Parolen gespickt und die eingravierten Initialen im Armreif passen zu keinem Familienmitglied.  Rita spült ihre gemischten Gefühle und dunklen Kindheitserinnerungen mit Wein hinunter. Egal wie sehr sie sich anstrengt, Frustrationen bei der Wohnungsauflösung bestätigen die alte Mär: Rita, das schwarze Schaf der Familie. Nichts wie weg hier, denkt sie, aber nicht ohne vorher ihre Schwester mit Wahrheiten zu konfrontieren, die die allzeit beherrschte Gudrun in die Flucht schlagen.

Zurück in Boston will Rita ihr Leben neu sortieren. Doch das Zerwürfnis mit Gudrun quält. Und was tun mit dem Tagebuch und dem Armreif?

Frau Blumenthals Armreif (Exzerpt)

Freitag, 8. Mai 2015

Ich fühle den abgewetzten, von den Jahren verfilzten und speckigen Bezug des Sofas unter meiner Hand. Am Knie bäumt sich der Stoff meiner Hose wulstig auf und die Haut an meinem Bauch juckt. Mit geschlossenen Lidern spüre ich die Finsternis um mich herum. Ich öffne die Augen und suche in der Dunkelheit nach vertrauten Konturen.

„Hallo?”, frage ich in die Stille.

Im Warten auf eine Antwort, auf irgendeinen erkennbaren Laut nehmen Bruchstücke meiner Wirklichkeit im Bewusstsein Gestalt an: dies ist Mutters Sofa in Mutters Wohnzimmer. Ich liege hier allein; Mutter liegt in ihrem Zimmer im Pflegeheim, allein. Ich besuchte sie gleich nach meiner Ankunft am Frankfurter Flughafen. War das gestern?

Die Leuchtziffern auf meinem Handy verraten: Beinah Mitternacht. Der Jet Lag nach dem Nachtflug muss bewirkt haben, dass ich hier auf dem Sofa eingeschlafen bin.

Eben noch in lähmender Orientierungslosigkeit bin ich nun hellwach. Mitternacht hier in Deutschland bedeutet sechs Uhr abends zuhause in Boston. Zuhause. Das Wort verursacht einen bitteren Geschmack auf der Zunge.

Featured Article

Book Review: Forced Confrontation: The Politics of Dead Bodies in Germany at the End of World War II by Christopher Mauriello. In Genocide Studies and Prevention: An International Journal